
Mehr als Worte
- Nadine

- 12. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Juni
Eine Frau schickte mir Bilder von Kunstausstellungen.
Ein Student stellte mir eine Frage, die ich nicht erwartet hatte.
Eine ehemalige Nachbarin erzählte mir 45 Minuten lang von ihrem Leben.
Erst später wurde mir klar, warum mich diese Begegnungen nicht losließen.
Warum man nach Hause fährt, das Gespräch längst vorbei ist – und trotzdem noch an den Menschen denkt.
Nicht an die Geschichte.
An den Menschen.
Hinter den Bildern
Vor einigen Tagen schrieb mir eine Frau, mit der ich vor Jahren eine Weiterbildung gemacht habe.
Seitdem haben wir immer wieder Gedanken, Erfahrungen und auch Persönliches miteinander geteilt.
In letzter Zeit schickt sie mir Bilder von Kunstausstellungen.
Fotografien.
Gemälde.
Eindrücke aus verschiedenen Städten.
Ich schaue sie mir gerne an.
Natürlich antworte ich auf das, was sie mir schickt.
Und trotzdem merke ich, dass meine Gedanken oft weiterwandern.
Ich kenne diesen Menschen schon lange.
Ich weiß, dass das Leben sie in den letzten Monaten gefordert hat.
Dass Sicherheiten ins Wanken geraten sind.
Dass es Fragen gibt, auf die sich keine schnellen Antworten finden lassen.
Vielleicht haben mich die Bilder deshalb beschäftigt.
Nicht wegen der Kunst. Sondern wegen ihr.
Ich habe mich gefragt, was sie dort findet.
Ruhe.
Inspiration.
Ablenkung.
Oder einfach einen Ort, an dem etwas Schönes für ein paar Stunden mehr Raum bekommt als das, was gerade schwer ist.
Ich weiß es nicht.
Aber ich habe gemerkt, dass mich weniger die Ausstellung interessiert hat als der Mensch, der sie besucht.
Eine unerwartete Frage
Ein paar Tage später sprach ich mit einem Studenten.
Eigentlich wollte er mehr über Controlling erfahren.
Wir sprachen über Projekte, Aufgaben und Erfahrungen.
Man spürte schnell, dass er nicht nur Informationen sammeln wollte.
Er interessierte sich für Menschen.
Für Erfahrungen.
Für Wege.
Kurz vor Schluss fragte er mich:
„Welche Menschen haben Sie auf ihrem Weg inspiriert?“
Von allen Fragen, die möglich gewesen wären, blieb mir genau diese im Gedächtnis.
Vielleicht, weil sie so viel über ihn erzählt hat.
Vielleicht, weil sie mich an etwas erinnert hat, das wir im Alltag oft vergessen:
Dass wir nicht nur durch Wissen wachsen.
Sondern auch durch Begegnungen.
Durch Vorbilder.
Durch Menschen, die uns prägen, herausfordern oder ermutigen.
Als unser Gespräch zu Ende war, dachte ich nicht über Controlling nach.
Ich dachte darüber nach, wie sehr uns andere Menschen beeinflussen können – oft viel mehr, als uns bewusst ist.
45 Minuten in der Umkleide
Die dritte Begegnung war Zufall.
Nach dem Training traf ich eine ehemalige Nachbarin.
Wir hatten uns lange nicht gesehen.
Aus einem kurzen Wiedererkennen wurden fast 45 Minuten Gespräch.
45 Minuten über schlaflose Nächte.
Über Sorgen.
Über Enttäuschungen.
Über familiäre Konflikte.
Über Dinge, die man nicht einfach abschütteln kann.
Ich hörte zu.
Und während sie erzählte, wurde mir bewusst, wie viel ein Mensch mit sich herumtragen kann, ohne dass andere es sehen.
Wie lange man versucht, stark zu sein.
Wie lange man funktioniert.
Wie viel Kraft es kostet, immer weiterzumachen.
Als wir uns verabschiedeten, hatte sich an ihrer Situation nichts verändert.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass diese 45 Minuten wichtig gewesen waren.
Nicht, weil ich einen Rat gegeben hätte.
Sondern weil jemand seine Geschichte erzählen durfte.
Was nachwirkt
Auf den ersten Blick hatten diese Begegnungen nichts miteinander zu tun.
Kunst.
Studium.
Familie.
Drei völlig unterschiedliche Themen.
Und doch blieb nach jedem Gespräch etwas zurück.
Nicht die Details.
Nicht die Informationen.
Sondern der Mensch.
Während Menschen erzählen, höre ich ihren Worten zu.
Ich stelle Fragen.
Ich teile Erfahrungen.
Und gleichzeitig beschäftigt mich oft noch etwas anderes.
Was hat das Leben mit diesem Menschen gemacht?
Was bewegt ihn gerade?
Was macht ihm Hoffnung?
Was braucht er in diesem Moment?
Nicht von der Welt.
Nicht von seinem Arbeitgeber.
Nicht von seiner Familie.
Sondern von mir.
Die Erkenntnis dieser Woche
Während ich über diese Begegnungen nachdachte, wurde mir etwas bewusst.
Menschen vertrauen mir ihre Geschichten an.
Im Beruf.
Im Coaching.
Im Alltag.
Manchmal in einem geplanten Gespräch.
Manchmal ganz zufällig.
Und manchmal dort, wo man es am wenigsten erwartet.
Weil mir plötzlich klar wurde, dass die Rollen in meinem Leben oft verschwimmen.
Die Coachin.
Die Kollegin.
Die Freundin.
Die Ehrenamtliche.
Eigentlich bin es immer ich.
Nadine.
Menschen möchten gesehen werden.
So wie sie gerade sind.
Mit ihren Fragen.
Ihren Zweifeln.
Ihren Hoffnungen.
Und manchmal auch mit dem, was sie selbst noch nicht in Worte fassen können.
Vielleicht berühren mich manche Begegnungen genau deshalb so sehr.
Genau dort beginnt Wunderbar Wandelbar.
Nicht erst im Coaching.
Sondern in den kleinen Begegnungen des Alltags.
In dem Moment, in dem ein Mensch einem anderen Menschen aufmerksam begegnet.
Und ihm das Gefühl gibt:
Ich sehe dich 💛


Danke für diesen menschlichen Beitrag zum Mensch sein. Du triffst den Kern dessen was wirklich im Leben zählt. Menschen, wir alle, wollen lieben und geliebt werden. Das wird täglich in unterschiedlichen Facetten erlebbar - bei uns selbst und durch andere.
Danke liebe Nadine 🙏